Archiv für Leipzig

Ein Besuch bei der STASI

Posted in Überwachung with tags , , , on 10. September 2009 by Kaeptn Dotterbart

stasilogoEin Ausflug in Leipzig hat mich in das STASI-Museum in der „Runden Ecke“ geführt und ich habe auch gleich an einer Führung teilgenommen. Für 2€ muss man da nicht lange Fackeln und man bekommt einen grausigen Einblick in das Leben als Überwachungsobjekt – nicht nur mich hat der Einblick in den Überwachungsstaat beeindruckt:
Briefe wurden aufgedampft (Briefgeheimnis?), Telefongespräche abgehört (Fernmeldegeheimnis?), Wohnungen verwanzt (Unverletzlichkeit der Wohnung?) und versucht die komplette Privatsphäre zu durchleuchten. Es ist wirklich Angsteinflößend, zu was eine staatlich organisierte Überwachung fähig ist!
Aber Moment mal! In was für einer Zeit lebe eigentlich ich? 2009 und es werden Emails kontrolliert (Briefgeheimnis? Denn wie viele Menschen schreiben heute Emails statt Briefe), Telefonverbindungen werden gespeichert (Fernmeldeheimnis? Denn was früher der Telegraf war ist heute das Handy), IPs und Internetzugriffe gespeichert (Unverletzlichkeit der Wohnung? Denn für viele Menschen ist das die zweite Wohnung) und versucht die komplette öffentliche Sphäre zu durchleuchten: Nummernschilderfassung, Vorratsdatenspeicherung, Video-Überwachung von öffentlichen Plätzen… Es sollte wirklich Angsteinflößend sein, zu was eine staatlich organisierte Überwachung fähig ist!

Schließlich wird uns innerhalb des Museums noch als eine besonders bittere Pille verkauft, dass der Platz vor dem Gebäude zu STASI-Zeiten Video-Überwacht wurde. Deshalb hat sich die Opposition damals nicht getraut öffentlich gegen das Regime zu demonstrieren – Überwachung also als Waffe gegen demokratische Willensbildung! Und so haben selbst die Montagskundgebungen – das offensichtliche Aufbegehren gegen das Regime – in Leipzig lange Zeit einen großen Bogen um die Zentrale ihres Hauptfeindes geschlagen. Denn dass der Platz überwacht wurde war nicht zu übersehen, schließlich hatte die STASI damals noch unglaublich sperrige Kameras.
Doch welche Ironie der Geschichte? Denn als ich das Gebäude verlasse, muss ich feststellen, dass sich nichts geändert hat – nur die Kameras sind kleiner geworden. Ausgerechnet der Platz, der bis 1989 gemieden wurde, weil er Videoüberwacht wurde … der Platz, der mit Hilfe seiner Videoüberwachung das DDR-Regime aufrecht erhalten hat … der Platz, der heute vor dem STASI-Museum ist und den interessierten Besucher über damalige Überwachungsmethoden informieren will … – dieser Platz wird heute Videoüberwacht? Haben wir denn nichts aus der Geschichte gelernt? Anscheinend schon, aber wohl leider das falsche. Nämlich dass Überwachung sehr gut geeignet ist den Herrschaftsapparat zu stützen. Ich kann mir schon vorstellen, wie das ungefähr gelaufen sein wird.
Sitzen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble zusammen am Tisch und quatschen. Sagt Frau Merkel: „Du, Wolfi, es war ja nicht alles schlecht, was es in der DDR gab. Ich zum Beispiel, ich komme auch daher.“ Sagt Herr Schäuble: „Ja, Angie, stimmt. Und die Überwachungsmethoden damals, da könnte man sich echt noch ne Scheibe abschneiden! Videoüberwachung fällt mir da so spontan ein. Komm, lass uns das doch mal flächendeckend einführen!“ Und so kommt es, dass was ’89 noch Wahnsinn war 20 Jahre später längst Methode ist.
Längst ist aber auch die Propaganda besser geworden. Hieß die Überwachung früher noch „Ministerium für Staatssicherheit“, dann heißt es heute meistens gleich viel schöner „Zu ihrer Sicherheit wird […] Videoüberwacht“. Das klingt doch gleich viel besser … also zu meiner Sicherheit? Na dann verzichte ich doch gern auf meine Freiheit oder wie? „Mit nem Teelöffel Zucker schluckt man jede Medizin“ singen Slime und leider haben sie Recht und so kommt es wohl, dass die heutigen Überwachungsmaßnahmen von der Mehrheit der Bevölkerung einfach geschluckt werden. Aber den bitteren Nachgeschmack – den kriegen sie selbst mit einem ganzen Kilo Zucker nicht weg!

%d Bloggern gefällt das: